Das DFG-geförderte Forschungsprojekt »GenderVarianten« des TIED präsentiert einen zentralen Teil seiner Forschungsergebnisse seit 28. Mai 2026 in einer Sonderausstellung im Bibelhaus ErlebnisMuseum Frankfurt. So gelingt der Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die breite Öffentlichkeit.

GenderVarianten – das Projekt
Überlieferung ist ein dynamischer Prozess von Weiterentwicklung, Fortschreibung und Transformationen – dies schließt maßgeblich auch die Überlieferung biblischer Texte ein.
Ihren Anfang nehmen sie in antiken Textzeugnissen, wie Inschriften auf Stelen, sorgsamen Abschrieben auf Papyrus oder späteren Kodizes des Mittelalters. Aber auch heute, im digitalen Zeitalter, setzt sich die Transkription in digitale Datenbanken fort und schreibt neue Kapitel.
Wo immer Texte, Daten und Wissensbestände weitergegeben werden, unterliegen sie Wandlungen und es besteht die Gefahr von Bias, der verzerren kann, wie wir Vergangenheit vergegenwärtigen.
Zu den bislang weniger erforschten Phänomenen gehört dabei die Rolle von geschlechtsspezifischem Bias, Gender-Bias, der die Texte, ihre Überlieferung und Rezeption sowie unsere heutige Wahrnehmung durchzieht.
Einen innovativen Beitrag für die weitere Forschung in diesem Feld liefert dabei das interdisziplinäre, von der DFG geförderte Projekt »GenderVarianten«, welches neutestamentliche Textkritik, systematisch-ethische Hermeneutik und Reflexion mit Methoden der Digital Humanities und Informatik verbindet, um erstmals mit Hilfe von machine learning alle bislang digitalisierten, zugänglichen Textvarianten der altgriechischen Zeugen – derzeit über 831.900 – anschaubar, durchsuchbar und vergleichbar zu machen.
Forschung in der Öffentlichkeit – Ausstellung im Bibelhaus Frankfurt
Am vergangenen Donnerstag, 28. Mai 2026, wurde das Projekt mit einem wissenschaftlichen Workshop und der feierlichen Eröffnung einer Kabinettausstellung im Bibelhaus ErlebnisMuseum Frankfurt der Öffentlichkeit vorgestellt und erste Ergebnisse zugänglich gemacht.
Nach der feierlichen Eröffnung durch den Museums Direktor Veit Dinkelaker, stellte die Projektleitung – Prof.in Dr.in Gotlind Ulshöfer (Evangelische Hochschule Hessen), Prof. Dr. Soham Al-Suadi (Universität Rostock) und Prof. Dr.-Ing. Frank Krüger (Hochschule Wismar) – die drei verbundenen Forschungsschwerpunkte vor.

Die grundlegende Reorientierung danach zu fragen, wie Geschlecht im Zuge der gesamten Überlieferungsgeschichte immer wieder verändert oder auch neu konstruiert wird, ist dabei ein hermeneutischer Schlüssel, die Texte neu zu beleuchten. Das Projekt geht dabei darüber hinaus, weil diese Analysen in systematisch-theologische Überlegungen zur Hermeneutik des Erinnerns und Vergessens und der Ambiguität der textlichen Überlieferungen gestellt werden.
Textkritisch arbeitet das Projekt dabei mit folgendem Ansatz: Normalerweise strebt Textkritik an, einen so weit wie möglich ursprünglichen Ausgangstext zu rekonstruieren, gemäß dem Ausgangstextparadigma. Diesem Ansatz gegenüber findet bei dem Projekt eine Akzentverschiebung statt, denn es wird nicht ein »Urtext« gesucht, sondern einzelne Handschriften werden dabei gezielt als eigenständige, wertvolle Zeugen ernstgenommen und erhellen, wie Frauenfiguren und andere, nicht heteronormative Personen verdrängt, verändert und vergessen werden. Wie Prof. Al-Suadi es zusammenfasst: »Wir müssen es aushalten, dass es verschiedene Varianten in der biblischen Überlieferung gibt.«
Um unter dieser Fragestellung zu arbeiten, leistet die Informatik einen entscheidenden Beitrag. Aufgrund der Fülle an Textzeugnissen und damit verknüpft auch ihren Varianten ermöglichen die Methoden der Digital Humanities erst eine theologische Arbeit an den Vergleichspunkten. Mit Hilfe von entwickelten Algorithmen und machine learning werden die in Münster und Birmingham digitalisierten Abschriften der Textzeugen systematisiert, Auslassungen vorhersehbar und Passagen vergleichbar gemacht. Diese Datensätze sind dank eines einfach zugänglichen Interfaces in Form des »TextVarianten Explorers« öffentlich zugänglich und erlauben völlig neue Arbeit an den neutestamentlichen Texten. Teil der Ausstellung ist ein erklärendes Video, welches den Umgang mit diesem Forschungswerkzeug einfach verständlich für alle Besucher*innen macht.
Weitere Teile der Kabinettsausstellung sind berühmte Textbeispiele von verdrängten Frauenfiguren, wie etwa die Apostolin Junia und Hausherrin Nympha, Exponate wie eine Evangelienhandschrift des 13. Jahrhunderts (Leihgabe des Museums Münster) und weitere Vertiefungen von geschlechtsspezifischer Forschung neutestamentlicher Texte.
Die Ausstellung ist vom 29. Mai bis 27. Juni im Bibelhaus ErlebnisMuseum Frankfurt geöffnet.
Eine Frage der Vorstellungskraft – Abendvortrag von Dr. An-Ting Yi

Im Zentrum der Ausstellungseröffnung stand der Vortrag von Dr. An-Ting Yi (Freie Universität Amsterdam) unter dem Titel »Modern Scholarly Imagination on Female Scribes. Codex Alexandrinus, Saint Thecla, and Gender Bias«.
Passend zum Thema des Forschungsprojektes verdeutlichte Dr. Yi die entscheidende Rolle, die Imagination in historischer Forschung spielte und weiterhin spielt. Ausgehend von dem Beispiel des Kodex Alexandrinus, der einer Notiz zufolge von einer gewissen »Thekla« kopiert worden sei, illustrierte Dr. Yi die Debatten um diese umstrittene Person. Dabei war auffällig, wie sich Zuschreibungen mit der Zeit änderten und Gender-Stereotype nach und nach den Diskurs beherrschten. Wenn von mangelnder Qualität die Rede war, wurde angenommen, dass es ungelernte Frauenhände gewesen seien, die dafür verantwortlich gewesen waren. Inzwischen hat es die Forschung sichtbar gemacht, dass es gelehrte Schreiberinnen gab. Gleichzeitig dominierte jedoch über lange Zeit und teilweise bis heute im Fachdiskurs die Projektion traditioneller Geschlechtervorstellungen, wonach das Kopieren und Verschriftlichen Männersache gewesen sei.
Der Vortrag machte die kulturelle Verankerung auch historischer Rekonstruktionen deutlich und der Vorstellungskraft, der es bedarf, um Geschichte zu beschreiben.










